Barz, Hajdi RomaniPhen 05.01.2017
Strauß, Daniel (u.a.) (1999): Sinti und Roma. Eine deutsche Minderheit.
PZ-Information 2/99. Bad Kreuznach, RPZ
Eine Arbeitsgruppe des Verbandes deutscher Sinti und Roma Rheinlandpfalz erarbeitete gemeinsam mit der Landeszentrale für politische Bildung dieses sowohl sensible als auch kritikanregende Material zur Situation deutscher Sinti*zza und Rom*nja.
In vier miteinander verbundenen Bausteinen werden die Themen: „Sinti und Roma vor 1933″; „Kultur der Sinti und Roma“; „Völkermord in der Zeit des Nationalsozialismus“; „Die Bürgerrechtsbewegung der deutschen Sinti und Roma“ und „Verdrängung und Verschweigung“ behandelt. Das Material, bestehend aus Arbeitsblättern, Hintergrundinformationen, historischen Dokumenten und sensibel gewählten Bildern besticht durch eine wunderbare didaktische Einführung des Pädagogen Prof.Dr. Franz Hamburger, welche die Fallstricke und Möglichkeiten einer (Werte-) erziehung zur Thematik aufdeckt und so zur Selbstreflexion der Lehrenden anregt.
Auch wenn es erfreulich wäre, hier eine zweite, aktualisierte Auflage lesen zu können, sind die angebotenen Quellen nach wie vor außergewöhnlich präzise recherchiert, respektvoll aufgearbeitet und haben das Potenzial Jugendliche und Erwachsene für Veränderung aufzurütteln.
(antiquarisch erhältlich)

Barz, Hajdi (2016): Mimans Geschichte. Handreichung zum Thema Gadjé-Rassismus. With Wings and Roots. reimaginebelonging.de
MIMANS GESCHICHTE ist ein multimediales Bildungsmaterial zum Thema Rassismus gegen Rom*nja und Sinte*zza (Gadjé-Rassismus), das auf dem Dokumentarfilm With Wings and
Roots basiert. Es besteht aus vier Video- und Lernmodulen zu folgenden Themen: 1. Staatsbürgerschaft und Zugehörigkeit, 2. Romani Realitäten in Deutschland und Zuschreibungen, 3. Geschichte und Kontinuitäten von Diskriminierung und 4. Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit.
Es richtet sich an Lehrende im schulischen und außerschulischen Bildungsbereich, die mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen ab 14 Jahren arbeiten. Es steht auf Deutsch und Englisch zum Download zur Verfügung.
Die Videos portraitieren den Sozialarbeiter Miman, einen deutschen Rom, der mit geflüchteten Rom*nja-Familien in Berlin arbeitet. Mimans Eltern kamen als sogenannte “Gastarbeiter*innen” aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland und obwohl Miman in Düsseldorf geboren wurde, hat er keinen deutschen Pass. Er ist der einzige in seiner Familie, der sich öffentlich als Rom bekennt. Miman spricht in den Videos nicht nur die aktuellen und historischen Dimensionen der Diskriminierung von Rom*nja und Sinti*zza an, sondern teilt auch seine eigenen Erfahrungen von Rassismus und Ausschluss, sowie seine persönlichen Vorstellungen von Zugehörigkeit, Identität und Widerstand.
Die Videos werden durch eine interaktive Handreichung begleitet, die
historische Hintergrundinformationen für Lehrende, Diskussionsfragen zu den Videos, in die Themen vertiefende Übungen sowie Anregungen für Lehrkräfte und Jugendliche enthält und dazu animiert sich auch außerhalb des Klassenzimmers gegen Gadjé-Rassismus zu engagieren. Die Materialien dienen dazu, sowohl Lehrende als auch Lernende für die Geschichte und aktuelle Situation von Rom*nja und Sinti*zza in Deutschland zu sensibilisieren, eine kritische Reflexion anzuregen und Räume für Empowerment und Solidarität für Jugendliche verschiedener Communities zu schaffen.
(Der Guide kann hier heruntergeladen werden, auch weitere Informationen zur Ausleihe der Videos erhalten Sie unter: https://reimaginebelonging.de/projekte/miman/)
www.romasintigenocide.eu.
Historiker*innen und Romani Aktivist*innen arbeiteten an der Verwirklichung dieser empfehlenwerten Webseite. Die Website gliedert sich in die fünf Kapitel
„Roma und Sinti vor dem zweiten Weltkrieg“; „Diskriminierung und Verfolgung“, „Während der Nazi-Herrschaft“, „Völkermord“, sowie „Die Überlebenden“.Visualisiert sind die verschiedenen Informationen in einer Europakarte . Verschiedene Aspekte der (Über-)lebensrealitäten und der Verfolgung werden beleuchtet. Handouts mit sensibel ausgewählten Bildern, eine ausführliche Lehrer*innenhandreichung basierend auf einer weitreichenden Recherche liegen den Nutzenden vor.
Die Webseite eignet sich sowohl für einen Einstieg in die Thematik als auch für das vertiefte Arbeiten an spezifischen Geschichten. Mit den vielen PDF Dokumenten ist die Webseite kein
modernes multimediales Unterrichtstool sondern unterstützt eher die Vorbereitung des analogen Unterrichts. Die gestellten Fragen und gegebenen Informationen sind hervorragend, weil sie erlauben, Kontinuitäten sichtbar zu machen und Parallelen zu anderen Unterdrückungsformen aufzuzeigen. Die Form der Arbeit mit Bildern und Fragen bietet anregende Gesprächsanlässe.Darüber hinaus werden viele Angebote zur weiteren Recherche werden gemacht.
Das Material hat einen Fokus auf Österreich, bietet aber auch viele Informationen zum deutschen und sogar europäischen Kontext. Das meiste Material ist niedrigschwellig, einfach formuliert und leicht verständlich. Die aktivistische Rolle von Frauen wird leider im Material nur selten sichtbar gemacht. Besonders ist, dass die Seite auf Englisch, Französisch und auch im Kalderash Dialekt des Romanes zugänglich ist. Lediglich das Arbeitsblatt zu Stereotypen ist nicht zu empfehlen, weil es nur die Reproduktion von Bildern anbietet und keine Dekonstruktion erlaubt.
(Webseite erreichbar unter romasintigenocide.eu)

Kommentar zu Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg(Hg.) (1998): „Romantisierung und Rassismus- Sinti und Roma 600 Jahre in Deutschland.Handreichung zu Geschichte, Kultur und Gegenwart deutscher Sinti und Roma“, Stuttgart.
Die Broschüre des Zentralrates deutscher Sinti und Roma ist als Standardwerk und Grundlagentext didaktischer Literatur zu betrachten, weshalb dieser hier kommentiert wird
In der Broschüre werden den Lehrenden und den Lernenden ausführliche geschichtliche Hintergrundinformationen angeboten, Allerdings sind die vielen Kopien von NS Originaldokumenten in der Broschüre eher interessant für Historiker*innen, bzw. Student*innen. Es bedürfte hierbei einer detaillierteren Didaktisierung des Lernstoffes. Zudem werden historisch tradierte Rassismen reproduziert und auch reaktualisiert, da einige Stereotype über Sinte*zza und Rom*nja in der Gegenwart unbekannt sind. Es bedarf insgesamt eines stärkeren Bezuges zu den Schüler*innen und dem Unterrichtsgeschehen selbst und einer Anleitung zur kritischen Selbst- Reflexion. Für die reflektierende Lehrkraft finden sich hier allerdings grundlegendes Wissen zur Geschichte und Gegenwart des Rassismus gegen Sinti und Roma.
Barz, Hajdi RomaniPhen 05.01.2017

Literatur
Awosusi, Anita: Vater unser. Eine Sintifamilie erzählt, Karlsruhe 2016.

Diese Doppelbiografie beschreibt die Geschichten des Karlsruher Geigenbauers Hermann Weiß, der als 15-Jähriger vom nationalsozialistischen Deutschland nach Polen in Ghettos und Konzentrationslager deportiert wurde. Geschrieben wurde die Geschichte von seiner Tochter, die sich in ihrem Leben stets für die Rechte von Sinti und Roma eingesetzt hatteUnd jahrzehnte lang als Mitarbeiterin des Dokumentationszentrums deutscher Sinti und Roma erinnerungspolitische Bildungsarbeit geleistet hat.
In diesem Buch erzählt sie den Lesenden die Geschichte(n), die sie von Kindheit an prägten. Einfühlsam und positioniert beschreibt sie das Überleben ihres Vaters, sowie die Begegnungen, die er auf seinem langen Weg nach Hause machte. Das Buch eignet sich wunderbar als Lektüre auch für Jugendliche. Didaktisches Material dazu muss noch erscheinen.

Kommentar zu Hackl, Erich. Abschied von Sidonie. Zürich 1989.
Der Roman ‚Abschied von Sidonie‘ stellt in eindrucksvoller Art und Weise dar, wie eine gesamte Dorfgemeinschaft mit Sozialämtern, der Schule und dem Bürgermeister im nationalsozialistischen Steyr zum Tod eines jungen Mädchens beiträgt. Trotzdem der Roman es schafft sich gerade auf die Täter*innen zu konzentrieren, die aus vorauseilendem Gehorsam, Angst, fehlender Courage und rassistischer Überzeugung heraus das Romamädchen Sidonie Adlersburg in den Tod im KZ schicken, so kann das Buch dennoch nicht empfohlen werden.
Leider hält das Buch grundlegend rassistische Auffassungen über Rom*nja und Sinti*zza aufrecht. So nennt es regelmäßig die Fremdbezeichnungen für Rrom*nja und Schwarze Menschen und ignoriert damit den gewaltvollen Gehalt der Begriffe und normalisiert die Benutzung ebenjener Worte. Auch die Darstellung von Sidonie als wild, herzlich aber nicht schlau, ehrgeizig und freundlich mit jedem, ihre Konzentrationsschwierigkeiten und ihr fantasievolles Denken sind klischeebelastete Darstellungen. Die leibliche Mutter, die hier als lieblos und desinteressiert auftaucht entspricht ebenso dem Klischee der schlechten Romani – Mutter. Gerade angesichts der Tatsache, dass das Buch eine wahre Geschichte darstellen soll, ist die Versuchung die Sichtweise des Autors und damit die Summe der Klischees als Wahrheit anzunehmen, sehr naheliegend.
Leider erfüllt das Buch nicht die Kriterien gegen Gadjé-Rassismus des RomaniPhen Archivs, weil es rassistische Vorstellungen über Rom*nja und Sinti*zza manifestiert anstatt sie zu brechen.
Kriterienraster

Kriterien gegen Gadjé-Rassismus
Grundlage der o.g. Auswahl bildungspolitischer Materialien und der Kommentierung ist das Kriterienraster des RomaniPhen Archives..
Nach einer Auswertung von 76 verschiedenen Titeln, welche unter didaktischem Material zur Thematik „Rassismus gegen Sinti*zza und Rom*nja“ zu kategorisieren sind, konnten einige konzeptuelle Probleme identifiziert werden. Anstatt dem gesellschaftlich tief verankerten Rassismus didaktisch und pädagogisch zu begegnen, wurden durch unsensible Fragestellungen, rassistische unhinterfragte Vorannahmen und eine sogenannte „Vorurteilspädagogik“ (Hamburger) rassistische Bilder und Sprache in anderen Materialien reproduziert und deren Dekonstruktion nicht nur nicht erreicht sondern sogar aktiv verhindert. Angelehnt an den „Rassismuskritische[n] Leitfaden zur Reflexion bestehender und Erstellung neuer didaktischer Lehr- und Lernmaterialien für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit zu Schwarzsein, Afrika und afrikanischer Diaspora“ wurden mit in fachlicher Zusammenarbeit mit Pädagog*innen aus dem schulischen und außerschulischen Bildungsbereich von Rom*nja Selbstorganisationen sowie externen Bildungsarbeiter*innen 36 Kriterien erarbeitet, bzw. überprüft.Diese geben in Frageform einen Anlass zur Hinterfragung eigener Materialien, Unterrichtsentwürfe oder aufgefundener Materialien bilden soll. Mit dem Kriterienraster wird die Zielsetzung einen Standard für die Erstellung von rassismuskritischen didaktischen Materialien zu setzen, verfolgt
Die Kurzversion des Kriterienrasters sowie ein Workshopangebot finden sich auf der Webseite des RomaniPhen Archives (http://www.romnja-power.de/04/01/2017/gut-gemeint-ist-nicht-gut- gemacht-rassismuskritische-kriterien-zur-erstellung-von-bildungsmaterialien/)
Die Empfehlungen und Kommentare wurden vom RomaniPhen Archiv erstellt. Auf der Archivwebseite romnja-power.de finden sie auch zukünftig aktualisiert neue und empfehlenswerte didaktische Materialien und Literatur.

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