VON WEGEN UNGEBILDETE MÜTTER

Das RomaniPhen-Archiv in Berlin sammelt Bücher, Filme sowie andere Werke von Sinti- und Roma-Frauen und klärt über Rassismus auf.

Von Lena Reich

Romani Chaji ist vielleicht zwölf Jahre alt, trägt lange dunkle Zöpfe und eine hellblaue Bluse. In einem Kurzfilm erzählt das „Roma-Mädchen“, so ihr Name auf Deutsch, von der Verfolgung und Diskriminierung der Sinti und Roma in Europa. Die Stimme der animierten Zeichenfigur berichtet von der Ankunft der ersten Roma in Europa, Menschen mit „dunklerer Hautfarbe“, die wahrscheinlich Anfang des 15. Jahrhunderts als Sklaven aus Indien verschleppt wurden. Ein Aufenthaltsrecht in Städten wurde ihnen gar nicht erst zugesprochen. Ab 1498 galten sie als vogelfrei, ihre Verfolgung und Ermordung stand nicht unter Strafe.

An dieser Stelle macht Romani Chaji einen Zeitsprung – und klärt über die ausgrenzende und entmenschlichende Rassenideologie der Nationalsozialisten auf. Neuere Studien gehen davon aus, dass etwa anderthalb Millionen Sinti und Roma dem „Porajmos“ zum Opfer fielen – auf Romanes wird der Genozid das „Verschlingen“ genannt. Lange wurde dies verschwiegen. „Keiner hat sich bei ihnen entschuldigt“, empört sich Romani Chaji. Eine finanzielle Entschädigung der wenigen Hinterbliebenen steht immer noch aus. Der Porajmos wäre heute vergessen, hätten nicht Überlebende wie Otto Rosenberg, der Vater der Sängerin Marianne Rosenberg, in den 1970er Jahren die Bürgerrechtsbewegung der Sinti und Roma initiiert.

„Djelem Lungone Dromensa – Die Roma-Geschichte“ ist ein Erklärfilm des feministischen Romnja-Archivs RomaniPhen. Auf YouTube ist er unter dem Titel „Verfolgungsgeschichte der Rom*nja“ zu finden. In nur sieben beklemmenden Minuten zeigt der Clip den rassistischen Blick auf die größte Minderheit Europas, die jahrhundertelange Verfolgung, das jahrzehntelange Schweigen zum Genozid und den täglichen Antiziganismus, mit dem Roma noch heute konfrontiert sind.

Wohnen, Bildung, Gesundheit und Arbeit – es gibt kaum einen Bereich, in dem die rund 120.000 Sinti und Roma in Deutschland nicht Diskriminierungen ausgesetzt sind. Medien berichten oft einseitig über Roma-Gruppen – meist als exotisches Sujet einer nicht geglückten Integration. „Es wird sehr viel über Sinti und Roma gesprochen“, sagt Tayo Awosusi-Onutor vom RomaniPhen-Archiv. „Doch die meisten Bilder, die die Mehrheitsgesellschaft von uns vermittelt, sind rassistisch geprägt – gerade das Bild der Frau.“ Ein Stereotyp, dominiert von der Romnja als ungebildeter Mutter, der Männerwelt unterworfen.

Diese Klischees will das RomaniPhen-Archiv brechen. Es ist aus einer Gruppe von Aktivistinnen namens „IniRromnja“ hervorgegangen. Seit 2015 sammeln die Aktivistinnen unter Leitung der Sozialpädagogin Isidora Randjelović politisch relevante Bücher, Filme und andere Medien von Romnja und Sintizza und machen diese in einer kleinen Ladengalerie in Berlin-Treptow zugänglich, um aufzuklären und Diskurse anzustoßen. Das ­Archiv publiziert Kalender mit Frauenbiografien, organisiert ­Lesungen von Autorinnen und Diskussionsabende mit Bürgerrechtsaktivistinnen.

Tayo Awosusi-Onutor hat im vergangenen Jahr in ihrem ­Dokumentarfilm „Phral mende – wir über uns“ selbstbewusste Sintezza und Romnja in Deutschland porträtiert. Darin kommt auch ihre Mutter, Anita Awosusi, zu Wort, die eine Biografie ihrer vom Porajmos betroffenen Familie geschrieben hat und im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg aktiv war. Auch das Berliner RomaniPhen-Archiv, in dem sich nun ihre Tochter engagiert, ist Teil der Bürgerrechtsbewegung, ohne deren zähen Kampf die Erinnerung an die eigene Kultur noch viel weiter ins Abseits gedrängt worden wäre.

Im Archiv treffen sich jede Woche Mädchen zwischen sieben und 17 Jahren zu Workshops und produzieren Filme zu Themen, die sie beschäftigen. Neben Freundschaft, Liebe und Schule sind das eben auch Sexismus und Rassismus. Das wachsende Netzwerk des Archivs vermittelt diese Medien dann an Schulen. So ist etwa der Erklärfilm mit Romani Chaji mehr als jedes deutsche Schulbuch dazu angetan, das vorherrschende Bild der Roma zu korrigieren. Es waren zwei Schülerinnen, Sabrina und Estera, die während ihres Praktikums im Archiv den Film mit entwickelt haben.

„In den Schulen spiegelt sich das Wissen der gesamten Gesellschaft“, sagt Awosusi-Onutor. Oder das Nichtwissen. So sei etwa die herabsetzende Bezeichnung der Minderheit als „Zigeuner“ immer noch gebräuchlich: „Der Holocaust an den Sinti und Roma wird bewusst verschwiegen. Die Schülerinnen und Schüler ahnen nicht einmal, dass der rassistische Begriff, der noch zu oft auf den Schulhöfen zu hören ist, ein rassistischer ­Begriff ist, mit dem die Nazis Millionen Menschen umgebracht haben!“

In der Bildungsarbeit des Archivs gilt es, Lehrkräfte wie Kinder gleichermaßen zu sensibilisieren, Empathie zu befördern und aufzuzeigen, wie Rassismus im Alltag funktioniert. Roma und People of Colour, zu denen viele der Berliner Schülerinnen und Schüler gehören, sind schon im Kindesalter Objekt auch sprachlicher Diskriminierung, sei es auf dem Spielplatz, im Hort oder auf der Straße. Und so klärt der Film über Rassismus im Allgemeinen auf.

Trotz eines 2013 vom Berliner Senat verabschiedeten Aktionsplans für ausländische Roma, der Hilfemaßnahmen wie Willkommensklassen, Notunterkünfte oder mobile Anlaufstellen für „Wanderarbeiter“ vorsieht, werden Roma bei der Job- oder Wohnungssuche weiterhin häufig als „Problemfälle“ behandelt. Bundesweit kommt es immer wieder zu nachweislicher Diskriminierung durch die Behörden.

Eine der häufigsten Diskriminierungen ist das Racial Profiling, das auch Sinti und Roma regelmäßig trifft. Auf Straßen und Bahnhöfen sind rassistisch motivierte Polizeikontrollen von Menschen vermeintlich nichtdeutscher Herkunft nach wie vor gang und gäbe. Gemeinsam mit der Berliner Amnesty-Gruppe haben das RomaniPhen-Archiv und andere Berliner Organisationen, wie die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und die Kampagne für Opfer rassistischer Polizeigewalt, die YouTube-Kampagne „Ban Racial Profiling; Gefährliche Orte abschaffen“ unterstützt. Sie soll zunächst einmal die Berliner Regierung dazu bewegen, Racial Profiling per Gesetz zu verbieten. Die „Ban“-Videos sollen die Verantwortlichen daran erinnern, die Rechte von Minderheiten zu schützen, und die Opfer über ihre Rechte aufklären. „Nach wie vor findet eine kulturelle Codierung statt“, sagt Tayo Awosusi-Onutor. „Dass nicht mit uns geredet wird, das ist Rassismus.“ 

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